Mari Kalkun
Ilmamõtsan

Mari Kalkun gehört für uns zu den beeindruckendsten MusikerInnen Estlands. Spätestens seit ihrer Zusammenarbeit mit der finnischen Gruppe Runorun, die das Album “Tii ilo” gebar, ist ihr Name über die Grenzen ihrer Heimat hinaus bekannt.

Heute erscheint bei uns Mari Kalkuns neues Album mit dem Namen “Ilmamõtsan”, nach “Üü tulõk” (2007) und “Vihmakõnõ” (2010), ihr drittes Soloalbum. Auf eine weitere interessante Veröffentlichung mit Mari Kalkuns Beteiligung sei noch hingewiesen: “Upa-Upa Ubanikono” von 2015, die sie im Trio zusammen mit Ramo Teder und Tuulikki Bartosik einspielte. Diese Einspielung ist für Kinder gedacht und im Võru-Dialekt (manche sehen diesen gar als eine eigenständige Sprache an) gehalten.

“Ilmamõtsan” ist in Estland bereits Ende vergangenen Jahres erschienen. Das, was wir damals vorab von dem neuen Album hörten, ließ uns ungeduldig werden und nun sind wir froh, das Album endlich unseren Lesern vorstellen zu können.

In Estland ist der Name Mari Kalkun weithin ein Begriff. Sie erhielt 2013 die Auszeichnung als beste Folksängerin des Landes und wurde 2014 eingeladen, die Liveband des estnischen Tanz-Festivals “Üldtantsupidu” zu verstärken, wo sie u.a. zusammen mit Liisi Koikson und Meelika Hainsoo auf der Bühne gesungen hat. Das Festival ist mit zuletzt mehr als 10.000 Mitwirkenden eine der größten Volkstanzveranstaltungen weltweit und neben dem estnischen Sängerfest, die bedeutendste Kulturveranstaltung Estlands. So viel zur Bedeutung dieser Künstlerin.

Seit wir uns mit estnischer Volksmusik intensiver beschäftigen, erkennen wir immer wieder, dass viele Esten eine schon als religiös zu bezeichnende Beziehung zur Natur und insbesondere zu den weiten Wäldern Estlands haben. Oftmals wird man von Musikern eingeladen auf musikalischem Weg an ihren tiefen Empfindungen teilzuhaben. Mari Kalkun erzählt, dass es ihr scheine, als hörten die Esten den Wald sprechen. Dieses intime Verhältnis zur Natur findet sich auch schon in alten Estnischen Traditionen, vor allem in der Region um Võru im Südosten Estlands, der Heimat Kalkuns. Wälder werden in Estland oftmals mit Kirchen gleichgesetzt.

Als Musikerin ist Mari Kalkun logischerweise viel unterwegs. Sie verbrachte einige Jahre in verschiedenen Städten fern ihrer Heimat. Nun endlich hat sie es geschafft, Familie und Beruf besser zu kombinieren. So bezog sie das Haus ihrer Großeltern väterlicherseits und richtete sich ein eigenes Studio ein. Ein Studio mit Blick in den Garten und somit in die Natur, was Mari Kalkun sehr wichtig war.

“Ilmamõtsan” ist ein Begriff aus der Võru-Sprache und steht in etwa für “In den Wäldern der Welt”. Diesen Titel wählte Mari Kalkun, weil das meiste Material des Albums geschrieben wurde, während oder nachdem sie durch die Wälder in Võrumaa (so heißt der Kreis, in dem Võru liegt – “Võruland”) streifte und die Geräusche, Farben und Düfte der Natur aufsog.

Doch auch darüber hinausgehende Gedanken flossen ein. Durch ihre berufsbedingten Reisen um den ganzen Globus und ihr besonderes Interesse an diesen Fragen, erhält Mari Kalkun einen guten Überblick über den Zustand der Welt und erkennt überall ähnliche Probleme und Ängste – aber auch Zuversicht, positive Entwicklungen und ein Umdenken. Vieles davon findet sich auch in ihren neuen Stücken. Die Texte sind übrigens in Estnisch, Võro ​​oder Seto.

“The world too, is like a forest – big, full of bounties and berries but also darkness and the possibility of getting lost.”

Mari Kalkuns besondere Art des Komponierens ist, dass sie jedes Stück mit einem bestimmten Menschen verbindet. Aus diesem Grund sind viele Lieder einer bestimmten Person gewidmet, bzw. sind für bestimmte besondere Lebensereignisse geschrieben. In der Summe spricht “Ilmamõtsan” also sowohl eine allumfassende wie auch eine sehr persönliche Sprache.

Musikalisch ist “Ilmamõtsan” in erster Linie von der Musik aus dem Süden Estlands gefärbt. Die musikalischen (Gesangs-) Traditionen dieser Region stellen denn auch die musikalische Heimat Kalkuns dar. Wer Mari Kalkuns frühere Alben kennt, kann in etwa abschätzen, was auf “Ilmamõtsan” zu hören ist. Doch auf dem neuen Album klingt Mari Kalkun weitaus reifer als auf ihren frühen Soloalben, vor allem ihre Stimme ist kräftiger, variabler und ausdrucksstärker geworden. Auch kompositorisch hat sich die 1986 geborene Künstlerin deutlich weiterentwickelt. Auf “Ilmamõtsan” klingt sie selbstbewusst und wagemutig. “Ilmamõtsan” nur als Folkmusik zu bezeichnen, wird der Musik darauf nicht gerecht. Mari Kalkun gelingt es, Folkmusik mit hohem künstlerischem Anspruch zu erschaffen. Tiefgründige Musik mit Wandlungen, Entwicklungen und einem Kalkun-eigenen Klang.

Trotz aller Rückbesinnung auf heimatliche Traditionen, entwickeln MusikerInnen wie Mari Kalkun die Folkmusik stets vorwärts. So behält die Musik ihre lokale Eigenständigkeit, wird aber nicht museal. Dies zeigt sich in Kalkuns Musik auch beim Einsatz der Instrumente und Effekte. Als Beispiel erwähnen wir das herrliche “Laul Kahele” (Nummer 6). Hier kommt ein Effektgerät bei einer Kannel zum Einsatz, das aus der Rockmusik stammt und üblicherweise für E-Gitarren verwendet wird: Der E-Bow, ein Effektgerät das mithilfe eines oszillierenden Magnetfeldes Stahlsaiten in Schwingungen bringt und einen ununterbrochenen, an Streicher erinnernden Ton erzeugt. Daher der Name des Gerätes. Eine Band, die dieses Gerät intensiv eingesetzt hat, sind die schottischen Big Country. Das abschließende, der kleinen Linda gewidmete “Linda Linda” überrascht mit dem Einsatz von Blechbläsern.

Es ist sicher klar geworden, dass wir von Mari Kalkuns neuem Album restlos überzeugt sind. “Ilmamõtsan” bietet zwar Folkmusik auf hohem künstlerischem Niveau, doch keinesfalls langweilige Kopfmusik. Diese Musik biedert sich gleichzeitig aber auch nicht an. In ihrer Schlichtheit und Reinheit, will sie entdeckt, erforscht, erobert werden. Weshalb HörerInnen, die noch keine Erfahrung mit derartiger Musik haben, etwas Geduld benötigen, bis sie die unglaubliche Schönheit dieser Musik erkennen. Diese Anstrengung lohnt sich aber auf jeden Fall!

“Ilmamõtsan” steckt in einer richtig schön gestalteten Verpackung. Beigelegt sind ausführliche Informationen, u.a. zur Besetzung, sowie detailierte englischsprachige Angaben zu jedem Titel und alle Texte in Originalsprache. Da kann kein Download und kein Streaming mithalten! Die Übersetzung der Texte ins Englische stellt Mari Kalkun online zur Verfügung.

Nicht zu vergessen: Mari Kalkun wird heuer gleich dreimal beim Rudolstadt Festival zu hören sein. Nämlich am 6. und 7. Juli mit Runorun und solo am 8. Juli. Das kleine Estland hat heuer seinen großen Auftritt in Rudolstadt!




Mari Kalkun auf der Bühne am 3. Februar 2011 mit einem Stück aus ihrem Debütalbum:

Wie der E-Bow bei Big Country klingt, lässt sich in der Ballade “Hold the heart” von deren 1986er-Album “The seer” nachhören:

Orientierungshilfe

Ilmamõtsan

Mari Kalkun gehört für uns zu den beeindruckendsten MusikerInnen Estlands. Spätestens seit ihrer Zusammenarbeit mit der finnischen Gruppe Runorun, die das Album “Tii ilo” gebar, ist ihr Name über die Grenzen ihrer Heimat hinaus bekannt.

Heute erscheint bei uns Mari Kalkuns neues Album mit dem Namen “Ilmamõtsan”, nach “Üü tulõk” (2007) und “Vihmakõnõ” (2010), ihr drittes Soloalbum. Auf eine weitere interessante Veröffentlichung mit Mari Kalkuns Beteiligung sei noch hingewiesen: “Upa-Upa Ubanikono” von 2015, die sie im Trio zusammen mit Ramo Teder und Tuulikki Bartosik einspielte. Diese Einspielung ist für Kinder gedacht und im Võru-Dialekt (manche sehen diesen gar als eine eigenständige Sprache an) gehalten.

“Ilmamõtsan” ist in Estland bereits Ende vergangenen Jahres erschienen. Das, was wir damals vorab von dem neuen Album hörten, ließ uns ungeduldig werden und nun sind wir froh, das Album endlich unseren Lesern vorstellen zu können.

In Estland ist der Name Mari Kalkun weithin ein Begriff. Sie erhielt 2013 die Auszeichnung als beste Folksängerin des Landes und wurde 2014 eingeladen, die Liveband des estnischen Tanz-Festivals “Üldtantsupidu” zu verstärken, wo sie u.a. zusammen mit Liisi Koikson und Meelika Hainsoo auf der Bühne gesungen hat. Das Festival ist mit zuletzt mehr als 10.000 Mitwirkenden eine der größten Volkstanzveranstaltungen weltweit und neben dem estnischen Sängerfest, die bedeutendste Kulturveranstaltung Estlands. So viel zur Bedeutung dieser Künstlerin.

Seit wir uns mit estnischer Volksmusik intensiver beschäftigen, erkennen wir immer wieder, dass viele Esten eine schon als religiös zu bezeichnende Beziehung zur Natur und insbesondere zu den weiten Wäldern Estlands haben. Oftmals wird man von Musikern eingeladen auf musikalischem Weg an ihren tiefen Empfindungen teilzuhaben. Mari Kalkun erzählt, dass es ihr scheine, als hörten die Esten den Wald sprechen. Dieses intime Verhältnis zur Natur findet sich auch schon in alten Estnischen Traditionen, vor allem in der Region um Võru im Südosten Estlands, der Heimat Kalkuns. Wälder werden in Estland oftmals mit Kirchen gleichgesetzt.

Als Musikerin ist Mari Kalkun logischerweise viel unterwegs. Sie verbrachte einige Jahre in verschiedenen Städten fern ihrer Heimat. Nun endlich hat sie es geschafft, Familie und Beruf besser zu kombinieren. So bezog sie das Haus ihrer Großeltern väterlicherseits und richtete sich ein eigenes Studio ein. Ein Studio mit Blick in den Garten und somit in die Natur, was Mari Kalkun sehr wichtig war.

“Ilmamõtsan” ist ein Begriff aus der Võru-Sprache und steht in etwa für “In den Wäldern der Welt”. Diesen Titel wählte Mari Kalkun, weil das meiste Material des Albums geschrieben wurde, während oder nachdem sie durch die Wälder in Võrumaa (so heißt der Kreis, in dem Võru liegt – “Võruland”) streifte und die Geräusche, Farben und Düfte der Natur aufsog.

Doch auch darüber hinausgehende Gedanken flossen ein. Durch ihre berufsbedingten Reisen um den ganzen Globus und ihr besonderes Interesse an diesen Fragen, erhält Mari Kalkun einen guten Überblick über den Zustand der Welt und erkennt überall ähnliche Probleme und Ängste – aber auch Zuversicht, positive Entwicklungen und ein Umdenken. Vieles davon findet sich auch in ihren neuen Stücken. Die Texte sind übrigens in Estnisch, Võro ​​oder Seto.

“The world too, is like a forest – big, full of bounties and berries but also darkness and the possibility of getting lost.”

Mari Kalkuns besondere Art des Komponierens ist, dass sie jedes Stück mit einem bestimmten Menschen verbindet. Aus diesem Grund sind viele Lieder einer bestimmten Person gewidmet, bzw. sind für bestimmte besondere Lebensereignisse geschrieben. In der Summe spricht “Ilmamõtsan” also sowohl eine allumfassende wie auch eine sehr persönliche Sprache.

Musikalisch ist “Ilmamõtsan” in erster Linie von der Musik aus dem Süden Estlands gefärbt. Die musikalischen (Gesangs-) Traditionen dieser Region stellen denn auch die musikalische Heimat Kalkuns dar. Wer Mari Kalkuns frühere Alben kennt, kann in etwa abschätzen, was auf “Ilmamõtsan” zu hören ist. Doch auf dem neuen Album klingt Mari Kalkun weitaus reifer als auf ihren frühen Soloalben, vor allem ihre Stimme ist kräftiger, variabler und ausdrucksstärker geworden. Auch kompositorisch hat sich die 1986 geborene Künstlerin deutlich weiterentwickelt. Auf “Ilmamõtsan” klingt sie selbstbewusst und wagemutig. “Ilmamõtsan” nur als Folkmusik zu bezeichnen, wird der Musik darauf nicht gerecht. Mari Kalkun gelingt es, Folkmusik mit hohem künstlerischem Anspruch zu erschaffen. Tiefgründige Musik mit Wandlungen, Entwicklungen und einem Kalkun-eigenen Klang.

Trotz aller Rückbesinnung auf heimatliche Traditionen, entwickeln MusikerInnen wie Mari Kalkun die Folkmusik stets vorwärts. So behält die Musik ihre lokale Eigenständigkeit, wird aber nicht museal. Dies zeigt sich in Kalkuns Musik auch beim Einsatz der Instrumente und Effekte. Als Beispiel erwähnen wir das herrliche “Laul Kahele” (Nummer 6). Hier kommt ein Effektgerät bei einer Kannel zum Einsatz, das aus der Rockmusik stammt und üblicherweise für E-Gitarren verwendet wird: Der E-Bow, ein Effektgerät das mithilfe eines oszillierenden Magnetfeldes Stahlsaiten in Schwingungen bringt und einen ununterbrochenen, an Streicher erinnernden Ton erzeugt. Daher der Name des Gerätes. Eine Band, die dieses Gerät intensiv eingesetzt hat, sind die schottischen Big Country. Das abschließende, der kleinen Linda gewidmete “Linda Linda” überrascht mit dem Einsatz von Blechbläsern.

Es ist sicher klar geworden, dass wir von Mari Kalkuns neuem Album restlos überzeugt sind. “Ilmamõtsan” bietet zwar Folkmusik auf hohem künstlerischem Niveau, doch keinesfalls langweilige Kopfmusik. Diese Musik biedert sich gleichzeitig aber auch nicht an. In ihrer Schlichtheit und Reinheit, will sie entdeckt, erforscht, erobert werden. Weshalb HörerInnen, die noch keine Erfahrung mit derartiger Musik haben, etwas Geduld benötigen, bis sie die unglaubliche Schönheit dieser Musik erkennen. Diese Anstrengung lohnt sich aber auf jeden Fall!

“Ilmamõtsan” steckt in einer richtig schön gestalteten Verpackung. Beigelegt sind ausführliche Informationen, u.a. zur Besetzung, sowie detailierte englischsprachige Angaben zu jedem Titel und alle Texte in Originalsprache. Da kann kein Download und kein Streaming mithalten! Die Übersetzung der Texte ins Englische stellt Mari Kalkun online zur Verfügung.

Nicht zu vergessen: Mari Kalkun wird heuer gleich dreimal beim Rudolstadt Festival zu hören sein. Nämlich am 6. und 7. Juli mit Runorun und solo am 8. Juli. Das kleine Estland hat heuer seinen großen Auftritt in Rudolstadt!




Mari Kalkun auf der Bühne am 3. Februar 2011 mit einem Stück aus ihrem Debütalbum:

Wie der E-Bow bei Big Country klingt, lässt sich in der Ballade “Hold the heart” von deren 1986er-Album “The seer” nachhören:

Text date: 2018-01-26  
Text: © Global Music Magazine  
Photo credits: © Ruudu Rahumaru
Label: Nordic Notes
Label code: LC 14502
Producer: Mari Kalkun, Martin Kikas
Barcode: 4742252006978
Catalogue No: NN103
Ident-Code: 12662/898/1



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