Sandy Lopicic Orkestar
Balkea

Ungefähr zur gleichen Zeit, als Jugoslawien am nationalistischen Virus verschied, breitete sich über Westeuropa eine andere Epidemie aus: das Balkan-Fieber (Morbus Balkeizmi). Man weiß es nicht mehr genau, aber als Überträger gelten heute die Kusturica-Filme. Die Symptome waren sehr bedenklich. Harmlose Durchschnittsbürger, die bislang zumindest Fliegen nichts zuleide getan hatten, begannen sich plötzlich Goldketten umzuhängen, schamlos ihre Becken zu schwingen, ja, ernsthaft zu glauben, Zigeuner zu sein und nichts mehr zu verlieren zu haben. Dabei war doch der Kredit fürs Zweitauto schon beinahe abbezahlt und die Gehaltserhöhung abgemachte Sache.
Die Epidemie schwappte über Europa hinweg. Dem Fieberrausch folgte der Kater. Aber irgendwie kamen die Armen nicht mehr von dem Trip runter. Da tauchte wie aus dem Nichts das Sandy Lopicic Orkestar auf, um in Graz den nächsten Fiebervirus (Balkeizmi II sive Morbus Lopitschitschiensis) zu züchten – einen garantiert immunresistenten, der noch dazu das Zeug hatte, Erwartungshaltungen lustvoll zu verwirren – also bewusstseinserweiternd zu wirken. Infektion als Therapie! Das gab’s noch nie.
Unter Verwendung von Jazz- und Funk-Grooves sowie raffinierter Arrangementtechniken berauschte das SLO ein nach neuen Fieberschüben gierendes Publikum mit heißer Balkanmusik, die aufgrund ihres Niveaus zwar nicht mehr so sehr an Š ljivovica, billiges Haargel und idyllische Armut erinnerte, aber dennoch den Drive der Roma-Brassbands und den Soul balkanischer Lieder in die große, weite Welt hinüberrettete.
Dass die meisten SLO-MusikerInnen aus verschiedenen Teilrepubliken des ehemaligen Jugoslawien kamen, verleitete Journalisten und Veranstalter oft zu der Annahme, das Ganze sei eine Art “Wiederversöhnungsprojekt”. Dabei waren die Orkestar-Mitglieder nie miteinander zerstritten – und wenn, dann bestimmt nicht aus nationalen Gründen … Was das SLO in ausgelassener Stimmung versöhnte, das waren unterschiedliche Geschmäcker – die von Jazzintellektuellen, Ethnofreaks, Puristen oder einfach Menschen, die zu guter Musik Spaß haben wollten.
Ein Großteil des mondänen Flairs und der Grandezza des Orkestars verdankt sich jedoch den drei Sängerinnen, ihrem Charisma, ihrer stimmlichen Intensität und dem kulturellen Wissen & Respekt, kraft derer sie Lieder des gesamten Balkanraumes der Folklore raubten und in zeitlos eleganter Schönheit glänzen lassen. Denn Nataša Mirkovic De Ro, Vesna Petkovic und Irina Karamarkovic sind alles andere als akustischer und optischer Aufputz, der wie slawischer Hochzeitsschmuck am Bandkonzept hängt, sondern dessen kraftvoll pochendes Herz & Hirn.

Nun, da ist sie, die lang erwartete zweite CD. Viel ist seit der ersten geschehen. Bojan Petrovic hatte die Band Hals über Kopf verlassen. Doch der verlorene Sohn wurde nach einer langen Odyssee, die ihn von New York über New Orleans nach Old Niš führte, von der Band wieder mit offenen Armen empfangen (man findet nicht so leicht einen Trompeter, der sich sowohl im Jazz als auch der serbischen Brasstradition auskennt). Lothar Lässer zog sich zurück, statt ihm kam ein gemütlicher Balkanbär und brillanter Roma-Akkordeonist aus Sofia namens Martin Lubenov.
Trotz der vielen eigenen Projekte, in welche die MusikerInnen involviert sind, ist das SLO zu einer unauflösbaren Einheit verschmolzen. Sowohl Eigenkompositionen als auch Traditionals sind glutheiß wie eh und je, die Arrangements hingegen noch ausgefeilter und die “Nicht-Jugoslawen” spielen balkanischer als je zuvor.
Here’s the Sandy Lopicic Orkestar again, eine der geschmackvollsten Arten, dem “Balkan-Fieber” zu erliegen, die positive Fiestaseite dieses imaginären Balkans zu feiern und sich doch gleichzeitig mit der Frage provozieren zu lassen, die Irina Karamarkovic am Schluss des Chansons “Balkea” stellt: “I malo zatim misljena sagradila na svim zlim balkeizmima …”

Tracks
1. balkea
2. bugarka
3. rampiri
4. cocek4
5. djavolce
6. hurry up
7. makedonsko devojce
8. ka pom e ja
9. kupi mi majko top
10. maja
11. crven vesic
12. vranje
13. more soko pije
14. jos ne svice rujna zora

2004
Balkea

Ungefähr zur gleichen Zeit, als Jugoslawien am nationalistischen Virus verschied, breitete sich über Westeuropa eine andere Epidemie aus: das Balkan-Fieber (Morbus Balkeizmi). Man weiß es nicht mehr genau, aber als Überträger gelten heute die Kusturica-Filme. Die Symptome waren sehr bedenklich. Harmlose Durchschnittsbürger, die bislang zumindest Fliegen nichts zuleide getan hatten, begannen sich plötzlich Goldketten umzuhängen, schamlos ihre Becken zu schwingen, ja, ernsthaft zu glauben, Zigeuner zu sein und nichts mehr zu verlieren zu haben. Dabei war doch der Kredit fürs Zweitauto schon beinahe abbezahlt und die Gehaltserhöhung abgemachte Sache.
Die Epidemie schwappte über Europa hinweg. Dem Fieberrausch folgte der Kater. Aber irgendwie kamen die Armen nicht mehr von dem Trip runter. Da tauchte wie aus dem Nichts das Sandy Lopicic Orkestar auf, um in Graz den nächsten Fiebervirus (Balkeizmi II sive Morbus Lopitschitschiensis) zu züchten – einen garantiert immunresistenten, der noch dazu das Zeug hatte, Erwartungshaltungen lustvoll zu verwirren – also bewusstseinserweiternd zu wirken. Infektion als Therapie! Das gab’s noch nie.
Unter Verwendung von Jazz- und Funk-Grooves sowie raffinierter Arrangementtechniken berauschte das SLO ein nach neuen Fieberschüben gierendes Publikum mit heißer Balkanmusik, die aufgrund ihres Niveaus zwar nicht mehr so sehr an Š ljivovica, billiges Haargel und idyllische Armut erinnerte, aber dennoch den Drive der Roma-Brassbands und den Soul balkanischer Lieder in die große, weite Welt hinüberrettete.
Dass die meisten SLO-MusikerInnen aus verschiedenen Teilrepubliken des ehemaligen Jugoslawien kamen, verleitete Journalisten und Veranstalter oft zu der Annahme, das Ganze sei eine Art “Wiederversöhnungsprojekt”. Dabei waren die Orkestar-Mitglieder nie miteinander zerstritten – und wenn, dann bestimmt nicht aus nationalen Gründen … Was das SLO in ausgelassener Stimmung versöhnte, das waren unterschiedliche Geschmäcker – die von Jazzintellektuellen, Ethnofreaks, Puristen oder einfach Menschen, die zu guter Musik Spaß haben wollten.
Ein Großteil des mondänen Flairs und der Grandezza des Orkestars verdankt sich jedoch den drei Sängerinnen, ihrem Charisma, ihrer stimmlichen Intensität und dem kulturellen Wissen & Respekt, kraft derer sie Lieder des gesamten Balkanraumes der Folklore raubten und in zeitlos eleganter Schönheit glänzen lassen. Denn Nataša Mirkovic De Ro, Vesna Petkovic und Irina Karamarkovic sind alles andere als akustischer und optischer Aufputz, der wie slawischer Hochzeitsschmuck am Bandkonzept hängt, sondern dessen kraftvoll pochendes Herz & Hirn.

Nun, da ist sie, die lang erwartete zweite CD. Viel ist seit der ersten geschehen. Bojan Petrovic hatte die Band Hals über Kopf verlassen. Doch der verlorene Sohn wurde nach einer langen Odyssee, die ihn von New York über New Orleans nach Old Niš führte, von der Band wieder mit offenen Armen empfangen (man findet nicht so leicht einen Trompeter, der sich sowohl im Jazz als auch der serbischen Brasstradition auskennt). Lothar Lässer zog sich zurück, statt ihm kam ein gemütlicher Balkanbär und brillanter Roma-Akkordeonist aus Sofia namens Martin Lubenov.
Trotz der vielen eigenen Projekte, in welche die MusikerInnen involviert sind, ist das SLO zu einer unauflösbaren Einheit verschmolzen. Sowohl Eigenkompositionen als auch Traditionals sind glutheiß wie eh und je, die Arrangements hingegen noch ausgefeilter und die “Nicht-Jugoslawen” spielen balkanischer als je zuvor.
Here’s the Sandy Lopicic Orkestar again, eine der geschmackvollsten Arten, dem “Balkan-Fieber” zu erliegen, die positive Fiestaseite dieses imaginären Balkans zu feiern und sich doch gleichzeitig mit der Frage provozieren zu lassen, die Irina Karamarkovic am Schluss des Chansons “Balkea” stellt: “I malo zatim misljena sagradila na svim zlim balkeizmima …”

Tracks
1. balkea
2. bugarka
3. rampiri
4. cocek4
5. djavolce
6. hurry up
7. makedonsko devojce
8. ka pom e ja
9. kupi mi majko top
10. maja
11. crven vesic
12. vranje
13. more soko pije
14. jos ne svice rujna zora

Textdatum: 2004-08-08  
Textrechte:
© Sandy Lopovic Orkestar  
Ident-Code: 508/1897/1


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