Rich Hopkins & Barry Melton
Duel in the Desert

Der angenehm antiquierte Titel dieses zwei Ausnahmegitarristen unterschiedlicher Generationen und regionaler Stilrichtungen zusammenführenden Albums – Psychedelia der Bay Area trifft auf den Wüstenrock Arizonas – erinnert an einen längst vergessenen B-Western. Doch der erste Blick auf die Namen der Interpreten löst ungläubiges Staunen aus: Barry Melton? Der alte Leadgitarrist von Country Joe & the Fish, der mit dem blonden Wuschelkopf? Ja, ist der denn auch noch aktiv? Oder wieder? Und weilt der denn überhaupt noch unter den Lebenden? Barry Melton ist alive and well, gerade 60 geworden und hat, wie eine Blitzrecherche im Internet ergab, in den vergangenen drei Dekaden (nachdem er wohl bei den meisten, die nicht jeden Karriereschritt der alten Hippie-Haudegen aus San Francisco im Nischenmarkt der Klein- und Kleinstlabels mitverfolgt haben, vom Radar verschwunden war), hauptberuflich umgesattelt und die Juristerei in den Mittelpunkt seines Schaffens gestellt. Einen, der an der Seite vom politisch seinerzeit an vielen Fronten aktiven Country Joe Mc Donald gegen die Ungerechtigkeiten der Welt angekämpft hat, kann man sich mit einem Schuss Sozialromantik bestens als von ungebrochen edlen, altruistischen Idealen motivierten Rechtsbeistand der Armen und Entrechteten vorstellen. Und Fakt ist, dass Melton gegenwärtig immerhin Vorsitzender der Vereinigung der kalifornischen Pflichtverteidiger ist. Im Golden State des Arnie Schwarzeneggers sicherlich ein Fulltimejob und bestimmt kein Zuckerschlecken. Trotz dieser wohl extrem sinnstiftenden Schwerpunktverlagerung seiner Aktivitäten hat Melton immer auch Musik (und Platten) gemacht, erinnert sei nur an das Haight-Ashbury-Veteranentreffen mit John Cipollina, Robert Hunter, Spencer Dryden und Peter Albin, das unter dem moniker The Dinosaurs lief. Melton war, wie auch seine Soloalben aus den Siebzigern bewiesen, ein Gitarrist mit virtuosem technischen Können und vielfältigen stilistischen Interessen (“Bright Sun is Shining” von 1970 ist z.B. lupenreiner Soulblues). Ungerechterweise erwarb er sich aber nie (wie etwa Cipollina von Quicksilver, Jorma Kaukonen von den Airplane, Steve Miller oder Jerry Garcia) das Image eines innovativen, extravaganten stringbenders, höchstwahrscheinlich deshalb, weil Country Joe & the Fish im Langzeitgedächtnis als Band abgelagert wurden, bei denen moralische Haltung und inhaltliche Aussage doch bedeutender waren als musikhandwerkliche Brillanz.

Rich Hopkins hingegen, der, obwohl seine erste nennenswerte Platteneinspielung erst von 1987 datiert, auch schon stramm auf die 50 zugeht, kann sich auf die Fahne schreiben, ein ganzes Genre, eben besagten Desertrock, quasi im Alleingang kreiert und seit rund zwanzig Jahren am Leben erhalten zu haben. Hopkins ist also auch alles andere als ein junger Hüpfer, worauf aber nur hingewiesen werden soll, weil potenzielle Hörer, die altersbedingt eher mit Country Joe & the Fish aufgewachsen sind, vielleicht die eine oder andere Generation, die danach kam, verpasst haben. Hopkins Debüt lag ja immerhin jenseits der Demarkationslinie von Punk und New Wave. Das biologische Alter ist selbstredend völlig unbedeutend, bei Blues- und Countrymusikern mokiert sich ja auch niemand darüber.

Der frühere mastermind der Sidewinders und Sand Rubies macht seit etlichen Jahren mit seinen in häufig wechselnder Besetzung antretenden Luminarios Clubs und Konzerthallen unsicher, wobei es die auf bretterharten, immer mit fulminanter Leidenschaft vorgetragenen Gitarrenrock abonnierte Combo, (die Neil Young den rechten Weg weisen will), es
besonders in Deutschland zu beträchtlicher Beliebtheit gebracht hat. Bei Hopkins sind keine introvertierten Reflektionen über Gott und die Welt zu erwarten. Und er zählt auch nicht unbedingt zu den nuanciertesten Sängern, die sich unter der Sonne tollen. Die volle Dröhnung satt sägender, sich jagender und gegeneinander anjaulender Gitarren ist aber stets garantiert. Was das aber nun, abgesehen von der Tatsache, dass diese Musik eben dort, vornehmlich in Tucson/Arizona, eingespielt wurde, mit der Wüste zu tun hat, sei dahingestellt. Neil Young, der es ja oft ähnlich krachen lässt, stammt ja bestenfalls aus der Tundra, und – andersherum gedacht – rings um Clover, New Mexico, wo Buddy Holly und die Crickets (die die Besetzung mit zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug, auf die sich Melton, Hopkins und ihre beiden Mitstreiter Nick Augustine und Tom Larkins auf “Duel in the Desert” ausnahmslos beschränken, sich ja hätten patentieren lassen können) ihre ersten Hits aufnahmen, ist die Landschaft bestimmt nicht weniger unwirtlich und abweisend. Aber niemand ist bisher auf die Idee gekommen, ihren Sound als Desert Rock zu etikettieren.
Wie so oft, wenn der Zufall (und nichts anderes war es angeblich auch in diesem Fall) Musiker mit so konträrem Hintergrund zu einem Gemeinschaftswerk zusammenführt, kokettiert der Jüngere enthusiastisch, aber nicht unbedingt glaubhaft damit, schon ewig und drei Tage den Älteren verehrt zu haben. Bereits als Elfjähriger will Hopkins, damals außerdem schon glühender Fan von Blue Cheer, Hendrix und Jefferson Airplane, Country Joe & the Fishs LP “Together” geklaut und nächtelang auf seinem billigen Plattenspieler abgenudelt und so wichtige Erkenntnisse für sein vorpubertäres Leben gewonnen haben. Ein nett gemeintes Anekdötchen, das Melton geschmeichelt haben dürfte, ist dies allemal.

Was lässt sich konkret über die 40 Minuten Musik, die ohne jedes vorherige Proben und nennenswerte Nachbearbeitung übers thanksgiving weekend in Tucson 2005 aufgenommen wurde, sagen? “Die Wüste lebt”, könnte man Walt Disney zitieren, wobei zum Gelingen der Kooperation entscheidend beiträgt, dass sich beide Gitarreros, zieht man ihre jeweils letzten Veröffentlichungen als Vergleich heran, praktisch in der Mitte treffen. Melton spielt merklich vitaler als in jüngerer Vergangenheit und reduziert die vertrauten Acidrock-Klischees ohne sie vollends zu tilgen. Und Hopkins drosselt die oft monotone Wucht seiner Gibson, ohne seinem knochentrockenen Stil ganz untreu zu werden. Das Resultat sind neun Tracks mittlerer Länge, von denen nur Chuck Berrys “Thirty Days” sowie das Traditional “Alabama Bound” Fremdkompositionen sind und die Stimmung lediglich beim siebenminütigen “O Death” balladesk wird. Zwei ausgewiesene Cracks mit jeder Menge Erfahrung auf dem Buckel spielen wahrhaft klassizistischen Rock mittelschwerer Prägung, spontan und beseelt, aber ohne der Gefahr zu erliegen, es zu lässig und routiniert angehen zu lassen. Der Spaß, den sie dabei hatten, kommt beim Hörer (der kein dezidierter Gitarrenfreak sein muss) jederzeit rüber, auch wenn es mit Sicherheit nicht das Ziel dieser Session war, irgendein Rad neu zu erfinden. Das versuchen, meist mit bescheidenem Erfolg, ja auch genug andere.

Tracklist:
1. Alabama Bound (Publ. Domain, arr. R. Hopkins) 3:06
2. I’ve Seen the World from Your Eyes (R. Hopkins) 5:27
3. Please Forgive Me (B. Melton) 2:32
4. Without You (R. Hopkins) 5:23
5. The Highway is a Devil (B. Melton) 3:12
6. Duel in the Desert (R. Hopkins) 4:22
7. Pretty Polly (Publ. Domain, arr. R. Hopkins & B. Melton) 6:40
8. Oh Death (Publ. Domain, arr. R. Hopkins & B. Melton) 6:54
9. Thirty Days (Chuck Berry) 3:21

Besetzung:
Rich Hopkins – guitar, vocals
Barry Melton – guitar, shakers, vocals
Nick Augustine – bass
Tom Larkins – drums

2007
Duel in the Desert

Der angenehm antiquierte Titel dieses zwei Ausnahmegitarristen unterschiedlicher Generationen und regionaler Stilrichtungen zusammenführenden Albums – Psychedelia der Bay Area trifft auf den Wüstenrock Arizonas – erinnert an einen längst vergessenen B-Western. Doch der erste Blick auf die Namen der Interpreten löst ungläubiges Staunen aus: Barry Melton? Der alte Leadgitarrist von Country Joe & the Fish, der mit dem blonden Wuschelkopf? Ja, ist der denn auch noch aktiv? Oder wieder? Und weilt der denn überhaupt noch unter den Lebenden? Barry Melton ist alive and well, gerade 60 geworden und hat, wie eine Blitzrecherche im Internet ergab, in den vergangenen drei Dekaden (nachdem er wohl bei den meisten, die nicht jeden Karriereschritt der alten Hippie-Haudegen aus San Francisco im Nischenmarkt der Klein- und Kleinstlabels mitverfolgt haben, vom Radar verschwunden war), hauptberuflich umgesattelt und die Juristerei in den Mittelpunkt seines Schaffens gestellt. Einen, der an der Seite vom politisch seinerzeit an vielen Fronten aktiven Country Joe Mc Donald gegen die Ungerechtigkeiten der Welt angekämpft hat, kann man sich mit einem Schuss Sozialromantik bestens als von ungebrochen edlen, altruistischen Idealen motivierten Rechtsbeistand der Armen und Entrechteten vorstellen. Und Fakt ist, dass Melton gegenwärtig immerhin Vorsitzender der Vereinigung der kalifornischen Pflichtverteidiger ist. Im Golden State des Arnie Schwarzeneggers sicherlich ein Fulltimejob und bestimmt kein Zuckerschlecken. Trotz dieser wohl extrem sinnstiftenden Schwerpunktverlagerung seiner Aktivitäten hat Melton immer auch Musik (und Platten) gemacht, erinnert sei nur an das Haight-Ashbury-Veteranentreffen mit John Cipollina, Robert Hunter, Spencer Dryden und Peter Albin, das unter dem moniker The Dinosaurs lief. Melton war, wie auch seine Soloalben aus den Siebzigern bewiesen, ein Gitarrist mit virtuosem technischen Können und vielfältigen stilistischen Interessen (“Bright Sun is Shining” von 1970 ist z.B. lupenreiner Soulblues). Ungerechterweise erwarb er sich aber nie (wie etwa Cipollina von Quicksilver, Jorma Kaukonen von den Airplane, Steve Miller oder Jerry Garcia) das Image eines innovativen, extravaganten stringbenders, höchstwahrscheinlich deshalb, weil Country Joe & the Fish im Langzeitgedächtnis als Band abgelagert wurden, bei denen moralische Haltung und inhaltliche Aussage doch bedeutender waren als musikhandwerkliche Brillanz.

Rich Hopkins hingegen, der, obwohl seine erste nennenswerte Platteneinspielung erst von 1987 datiert, auch schon stramm auf die 50 zugeht, kann sich auf die Fahne schreiben, ein ganzes Genre, eben besagten Desertrock, quasi im Alleingang kreiert und seit rund zwanzig Jahren am Leben erhalten zu haben. Hopkins ist also auch alles andere als ein junger Hüpfer, worauf aber nur hingewiesen werden soll, weil potenzielle Hörer, die altersbedingt eher mit Country Joe & the Fish aufgewachsen sind, vielleicht die eine oder andere Generation, die danach kam, verpasst haben. Hopkins Debüt lag ja immerhin jenseits der Demarkationslinie von Punk und New Wave. Das biologische Alter ist selbstredend völlig unbedeutend, bei Blues- und Countrymusikern mokiert sich ja auch niemand darüber.

Der frühere mastermind der Sidewinders und Sand Rubies macht seit etlichen Jahren mit seinen in häufig wechselnder Besetzung antretenden Luminarios Clubs und Konzerthallen unsicher, wobei es die auf bretterharten, immer mit fulminanter Leidenschaft vorgetragenen Gitarrenrock abonnierte Combo, (die Neil Young den rechten Weg weisen will), es
besonders in Deutschland zu beträchtlicher Beliebtheit gebracht hat. Bei Hopkins sind keine introvertierten Reflektionen über Gott und die Welt zu erwarten. Und er zählt auch nicht unbedingt zu den nuanciertesten Sängern, die sich unter der Sonne tollen. Die volle Dröhnung satt sägender, sich jagender und gegeneinander anjaulender Gitarren ist aber stets garantiert. Was das aber nun, abgesehen von der Tatsache, dass diese Musik eben dort, vornehmlich in Tucson/Arizona, eingespielt wurde, mit der Wüste zu tun hat, sei dahingestellt. Neil Young, der es ja oft ähnlich krachen lässt, stammt ja bestenfalls aus der Tundra, und – andersherum gedacht – rings um Clover, New Mexico, wo Buddy Holly und die Crickets (die die Besetzung mit zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug, auf die sich Melton, Hopkins und ihre beiden Mitstreiter Nick Augustine und Tom Larkins auf “Duel in the Desert” ausnahmslos beschränken, sich ja hätten patentieren lassen können) ihre ersten Hits aufnahmen, ist die Landschaft bestimmt nicht weniger unwirtlich und abweisend. Aber niemand ist bisher auf die Idee gekommen, ihren Sound als Desert Rock zu etikettieren.
Wie so oft, wenn der Zufall (und nichts anderes war es angeblich auch in diesem Fall) Musiker mit so konträrem Hintergrund zu einem Gemeinschaftswerk zusammenführt, kokettiert der Jüngere enthusiastisch, aber nicht unbedingt glaubhaft damit, schon ewig und drei Tage den Älteren verehrt zu haben. Bereits als Elfjähriger will Hopkins, damals außerdem schon glühender Fan von Blue Cheer, Hendrix und Jefferson Airplane, Country Joe & the Fishs LP “Together” geklaut und nächtelang auf seinem billigen Plattenspieler abgenudelt und so wichtige Erkenntnisse für sein vorpubertäres Leben gewonnen haben. Ein nett gemeintes Anekdötchen, das Melton geschmeichelt haben dürfte, ist dies allemal.

Was lässt sich konkret über die 40 Minuten Musik, die ohne jedes vorherige Proben und nennenswerte Nachbearbeitung übers thanksgiving weekend in Tucson 2005 aufgenommen wurde, sagen? “Die Wüste lebt”, könnte man Walt Disney zitieren, wobei zum Gelingen der Kooperation entscheidend beiträgt, dass sich beide Gitarreros, zieht man ihre jeweils letzten Veröffentlichungen als Vergleich heran, praktisch in der Mitte treffen. Melton spielt merklich vitaler als in jüngerer Vergangenheit und reduziert die vertrauten Acidrock-Klischees ohne sie vollends zu tilgen. Und Hopkins drosselt die oft monotone Wucht seiner Gibson, ohne seinem knochentrockenen Stil ganz untreu zu werden. Das Resultat sind neun Tracks mittlerer Länge, von denen nur Chuck Berrys “Thirty Days” sowie das Traditional “Alabama Bound” Fremdkompositionen sind und die Stimmung lediglich beim siebenminütigen “O Death” balladesk wird. Zwei ausgewiesene Cracks mit jeder Menge Erfahrung auf dem Buckel spielen wahrhaft klassizistischen Rock mittelschwerer Prägung, spontan und beseelt, aber ohne der Gefahr zu erliegen, es zu lässig und routiniert angehen zu lassen. Der Spaß, den sie dabei hatten, kommt beim Hörer (der kein dezidierter Gitarrenfreak sein muss) jederzeit rüber, auch wenn es mit Sicherheit nicht das Ziel dieser Session war, irgendein Rad neu zu erfinden. Das versuchen, meist mit bescheidenem Erfolg, ja auch genug andere.

Tracklist:
1. Alabama Bound (Publ. Domain, arr. R. Hopkins) 3:06
2. I’ve Seen the World from Your Eyes (R. Hopkins) 5:27
3. Please Forgive Me (B. Melton) 2:32
4. Without You (R. Hopkins) 5:23
5. The Highway is a Devil (B. Melton) 3:12
6. Duel in the Desert (R. Hopkins) 4:22
7. Pretty Polly (Publ. Domain, arr. R. Hopkins & B. Melton) 6:40
8. Oh Death (Publ. Domain, arr. R. Hopkins & B. Melton) 6:54
9. Thirty Days (Chuck Berry) 3:21

Besetzung:
Rich Hopkins – guitar, vocals
Barry Melton – guitar, shakers, vocals
Nick Augustine – bass
Tom Larkins – drums

Textdatum: 2007-06-28  
Textrechte:
© Taxim Records  
Vertrieb: H'ART - Musik-Vertrieb GmbH
Ident-Code: 160/1003/1


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