Meriheini Luoto
Metsänpeitto

Meriheini Luoto sieht eigentlich recht harmlos aus. Doch, hat sie ihre Violine in der Hand, kann sie zum Berserker werden.

Als stiloffenes Musik-Magazin, müssen wir mit solchen Zusendungen rechnen. Schroffe Genrewechsel sind unser Tagesgeschäft. Wenn man von einer Neueinspielung von Rautavaaras “Cantus Arcticus” (Konzert für Vögel und Orchester), über Gottes Fuzz-Verzerrer (kommt demnächst aus Italien) und Loretta Lynns “Wouldn’t It Be Great” schlussendlich bei Meriheini Luotos “Metsänpeitto” landet, dann hat man in der Tat eine musikalische Odyssee hinter sich.

Nach dieser fordernden Auseindersetzung mit Musik würde man am Ende ein gewisses Maß an geistiger Erschöpfung erwarten. Was, wenn diese nicht eintritt? Ist zwischen Rautavaara und Luoto noch eine gewisse Nähe erkennbar, holt die beschriebene Abfolge doch stilistisch sehr weit aus und wird mit dem schwierigsten Werk abgeschlossen. Und trotzdem fühlt man sich am Ende erfrischt.

“Metsänpeitto” beginnt relativ harmlos. Zu Meriheini Luotos ersten, sehr leisen Tönen auf der Violine, gesellt sich nach wenigen Minuten eine Stimme, später mehrere. Arvo Pärt ist nicht weit davon entfernt. Doch Meriheini Luotos Musik ist bei weitem nicht so schwergewichtig, nicht so emotional beladen, wie die des Esten. Der Effekt des Hineingesogen-Werdens ist allerdings ähnlich.

Deutlich von finnischer Folkmusik geprägt, klingt das nächste Stück “II”. Es ist insgesamt viel lebhafter und temperamentvoller als das erste. Allerdings ist auch hier, wie bei allen folgenden Titeln, von einem konventionellem Aufbau nichts zu erkennen. Die Melodien klingen nach Volksmusik, aber die Künstlerin spielt sie nicht einfach, sie spielt mit ihnen. Erstmals tritt hier Minna Koskenlahti in Erscheinung. Noch mehr Temperament und erste ungewöhnliche Klänge präsentiert “III”.

Den Gipfel erklimmen sie in “IV”. Wofür Metal-Bands Tonnen von Equipment benötigen, schaffen Meriheini Luoto und Minna Koskenlahti mit Violine und verschiedensten Gegenständen sowie Perkussioninstrumenten, nämlich ein klangliches Inferno zu entfachen. Hier wird es atonal, der Klang und die Raumwirkung stehen im Vordergrund. Es klingt so, als würden die Musikerinnen die Akustik des Raums erforschen wollen. Mehr Bodenhaftung erhält die Musik im abschließenden Titel “V”, dessen flirrende Violintöne irgendwo zwischen Folk und Klassik liegen.

Der Bezug zur Mystik der finnischen Wälder, wie dies im Titel anklingt, ist für uns nicht durchgängig nachvollziehbar. In unserem zersiedelten Deutschland spielt der Wald eine untergeordnete Rolle, was sich in einem völlig verschiedenen emotionalem Verhältnis zeigt. Wer allerdings schon einmal die Herrlichkeit der finnischen Natur, insbesondere der Wälder, erlebt hat, kann in manchen Abschnitten der Musik durchaus ein ähnliches Gefühl von Verlorensein und einen Dimensionswechsel empfinden, was im finnischen Volksglauben mit “Metsänpeitto” beschrieben wird.

“Metsänpeitto” ist keine esoterische Gefühlsduselei. Am Rande dessen, was mit Musikinstrumenten möglich ist, geht Meriheini Luoto vielmehr der Frage nach, wie sich gewisse Empfindungen mithilfe von Klängen wecken lassen. Die Komponistin geht dabei mit ebensoviel Wagemut an die Sache heran, wie z.B. ihr Landsmann Kimmo Pohjonen, nur dass dieser viel Elektronik einsetzt, was Meriheini Luoto unterlässt.

Wir kennen nicht alle ihre Projekte, doch ist mit Hohka, einer Gruppe, die sehr moderne Folkmusik bietet, und dem Duo Akkajee erkennbar, dass Meriheini Luotos musikalisches Sebstverständnis sehr stark von Innovation, Experiment und Improvisation geprägt ist.

Es ließe sich noch einiges zu diesem Album erzählen, z.B. dass es live in einem Eisenwerk in Karkkila mit Kunstkopfstereophonie aufgenommen wurde. Weshalb sich die volle Raumwirkung erst unter einem Kopfhörer zeigt. Oder, dass Meriheini Luoto auch noch mit der Folk Big Band der Sibelius Akademie gespielt hat, mit ENO und Husky Rescue gearbeitet hat, sowie an vielen Musikproduktionen teilgenommen hat, u.a. in Kaustinen und an der Theaterhochschule. Es spricht für die Bescheidenheit der Künstlerin, dass sie weder dies noch ihre Preise und Auszeichnungen in ihrer Vita zum Album erwähnt.

“Metsänpeitto” ist gewagte, fordernde und teils improvisierte Musik, die für jeden ernsthaft an neuer Musik interessierten Hörer einen großen Gewinn darstellt.

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Orientierungshilfe

Metsänpeitto

Meriheini Luoto sieht eigentlich recht harmlos aus. Doch, hat sie ihre Violine in der Hand, kann sie zum Berserker werden.

Als stiloffenes Musik-Magazin, müssen wir mit solchen Zusendungen rechnen. Schroffe Genrewechsel sind unser Tagesgeschäft. Wenn man von einer Neueinspielung von Rautavaaras “Cantus Arcticus” (Konzert für Vögel und Orchester), über Gottes Fuzz-Verzerrer (kommt demnächst aus Italien) und Loretta Lynns “Wouldn’t It Be Great” schlussendlich bei Meriheini Luotos “Metsänpeitto” landet, dann hat man in der Tat eine musikalische Odyssee hinter sich.

Nach dieser fordernden Auseindersetzung mit Musik würde man am Ende ein gewisses Maß an geistiger Erschöpfung erwarten. Was, wenn diese nicht eintritt? Ist zwischen Rautavaara und Luoto noch eine gewisse Nähe erkennbar, holt die beschriebene Abfolge doch stilistisch sehr weit aus und wird mit dem schwierigsten Werk abgeschlossen. Und trotzdem fühlt man sich am Ende erfrischt.

“Metsänpeitto” beginnt relativ harmlos. Zu Meriheini Luotos ersten, sehr leisen Tönen auf der Violine, gesellt sich nach wenigen Minuten eine Stimme, später mehrere. Arvo Pärt ist nicht weit davon entfernt. Doch Meriheini Luotos Musik ist bei weitem nicht so schwergewichtig, nicht so emotional beladen, wie die des Esten. Der Effekt des Hineingesogen-Werdens ist allerdings ähnlich.

Deutlich von finnischer Folkmusik geprägt, klingt das nächste Stück “II”. Es ist insgesamt viel lebhafter und temperamentvoller als das erste. Allerdings ist auch hier, wie bei allen folgenden Titeln, von einem konventionellem Aufbau nichts zu erkennen. Die Melodien klingen nach Volksmusik, aber die Künstlerin spielt sie nicht einfach, sie spielt mit ihnen. Erstmals tritt hier Minna Koskenlahti in Erscheinung. Noch mehr Temperament und erste ungewöhnliche Klänge präsentiert “III”.

Den Gipfel erklimmen sie in “IV”. Wofür Metal-Bands Tonnen von Equipment benötigen, schaffen Meriheini Luoto und Minna Koskenlahti mit Violine und verschiedensten Gegenständen sowie Perkussioninstrumenten, nämlich ein klangliches Inferno zu entfachen. Hier wird es atonal, der Klang und die Raumwirkung stehen im Vordergrund. Es klingt so, als würden die Musikerinnen die Akustik des Raums erforschen wollen. Mehr Bodenhaftung erhält die Musik im abschließenden Titel “V”, dessen flirrende Violintöne irgendwo zwischen Folk und Klassik liegen.

Der Bezug zur Mystik der finnischen Wälder, wie dies im Titel anklingt, ist für uns nicht durchgängig nachvollziehbar. In unserem zersiedelten Deutschland spielt der Wald eine untergeordnete Rolle, was sich in einem völlig verschiedenen emotionalem Verhältnis zeigt. Wer allerdings schon einmal die Herrlichkeit der finnischen Natur, insbesondere der Wälder, erlebt hat, kann in manchen Abschnitten der Musik durchaus ein ähnliches Gefühl von Verlorensein und einen Dimensionswechsel empfinden, was im finnischen Volksglauben mit “Metsänpeitto” beschrieben wird.

“Metsänpeitto” ist keine esoterische Gefühlsduselei. Am Rande dessen, was mit Musikinstrumenten möglich ist, geht Meriheini Luoto vielmehr der Frage nach, wie sich gewisse Empfindungen mithilfe von Klängen wecken lassen. Die Komponistin geht dabei mit ebensoviel Wagemut an die Sache heran, wie z.B. ihr Landsmann Kimmo Pohjonen, nur dass dieser viel Elektronik einsetzt, was Meriheini Luoto unterlässt.

Wir kennen nicht alle ihre Projekte, doch ist mit Hohka, einer Gruppe, die sehr moderne Folkmusik bietet, und dem Duo Akkajee erkennbar, dass Meriheini Luotos musikalisches Sebstverständnis sehr stark von Innovation, Experiment und Improvisation geprägt ist.

Es ließe sich noch einiges zu diesem Album erzählen, z.B. dass es live in einem Eisenwerk in Karkkila mit Kunstkopfstereophonie aufgenommen wurde. Weshalb sich die volle Raumwirkung erst unter einem Kopfhörer zeigt. Oder, dass Meriheini Luoto auch noch mit der Folk Big Band der Sibelius Akademie gespielt hat, mit ENO und Husky Rescue gearbeitet hat, sowie an vielen Musikproduktionen teilgenommen hat, u.a. in Kaustinen und an der Theaterhochschule. Es spricht für die Bescheidenheit der Künstlerin, dass sie weder dies noch ihre Preise und Auszeichnungen in ihrer Vita zum Album erwähnt.

“Metsänpeitto” ist gewagte, fordernde und teils improvisierte Musik, die für jeden ernsthaft an neuer Musik interessierten Hörer einen großen Gewinn darstellt.

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Textdatum: 2017-09-11  
Textrechte:
© Global Music | Weltmusik-Magazin  
Artikelfoto/s: © Meriheini Luoto, Kira Leskinen (Coverdesign)
Produzent: Meriheini Luoto
Spieldauer: 5
Tracks: 40:52
Ident-Code: 12014/404/1


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