Céu
Céu

Die Elektro-Bossa-Welle war in unseren Breiten schon längst angelaufen, da schaute man in Brasilien verdutzt auf die Synthese, die die Europäer da aus Tropenrhythmen und Technologie gebastelt hatten. Ziemlich lange dauerte es, bis mit Suba, mit Bossacucanova und schließlich auch mit Bebel Gilberto im Heimatland von Samba und Bossa Nova die Verzwirbelung von neuen Bits und alten Beats Fuß fasste. Heute hingegen ist bei uns die Luft raus: Der x-te Brazilectro-Aufguss made in London, Berlin oder Rom ruft kaum noch Enthusiasmus hervor, während auf der anderen Seite des Atlantiks kreative Blütezeit angesagt ist. Maria Do CéU Whitaker Poças, kurz CéU (sprich: SÄ-u, zu deutsch: Himmel!), nennt sich das neueste Stimmenwunder aus Sáo Paulo, das Samba-Grooves mit TripHop, Lounge, Dub, Jazz und Funk poliert. Wer die barcelonesische Nubla mochte, der wird von CéU hochentzückt sein. Diese Platte ist – der Rückverweis auf ihren Namen sei erlaubt – einfach nur “himmlisch”.

Vila Madalena ist das romantische Künstlerviertel Sáo Paulos, und hier wird Maria Do CéU Whitaker Poças geboren. Ihr Vater ist ein renommierter Musiker, Komponist und Musikologe und lässt ihr eine klassische Musikerziehung angedeihen, die sich um Namen wie Heitor Villa-Lobos und Ernesto Nazaré zentriert. Schon mit 15 fällt sie den Entschluss, Sängerin zu werden und greift auch zur Gitarre. Die ersten Gehversuche auf der Bühne unternimmt sie mit einem Repertoire aus Marchinhas, einem Genre, das in der Karnevalsmusik des frühen 20.Jahrhunderts beliebt war.

Als junge Frau wagt sie den Sprung nach Norden und lebt für eine Weile in New York, um Gesang zu studieren. Dort öffnet sich ihr eine andere Tür: Geballt bekommt sie einen Schnellkurs von Jazzgeschichte zu aktuellem HipHop, entdeckt Ella und Billie, aber auch Lauren Hill und Erykah Badu. Zurück in der Heimatmetropole tummelt sie sich im Samba-Funk-Gefilde, leiert Experimente im Elektro-Pop an. Etliche Majors klopfen bei ihr an, doch sie entscheidet sich für eine kleine unabhängige Plattenfirma – der künstlerischen Freiheit wegen.

Das hat sich für die 27jährige bezahlt gemacht. Ihr Debüt “CéU” fällt im Vergleich zu vielen Scheiben ihrer Kolleginnen zwischen Ipanema-Strand und Industrie-Metropole deutlich aus dem Rahmen. Geschickt umschifft sie die Klischee-Klippen, lässt sich nicht auf sirenenhaftes Hauchen oder auf die überstrapazierte Drum’n’Bossa-Masche ein. Stattdessen gibt es eine feinziselierte Gratwanderung. Die Grooves sind nie elektronisch überladen, sondern beziehen ihre Energie aus organischer Trommelarbeit oder aus dem samba-angelehnten Groove der akustischen Gitarre. Espritvolle Sc iFi-Effekte und Scratches kommen von Synthesizer und Turntable, dazu bläst eine kleine Hornfraktion gedämpfte jazzig-soulige Linien, teils konterkariert von fernen Backgroundstimmen. Darüber fliegt ihre helle Stimme, sinnlich-sanft und katzenartig zuweilen, aber doch ausdrucksvoll und muskulös – mit leichten Anklängen an eine Maria Rita oder Marisa Monte, mal verführerisch und sinnlich, mal eher mädchenhaft. Die melodische Substanz ist immer der chromatisch geschwungenen Melancholie der Samba-Melodien verpflichtet, hat auch die funkigen Errungenschaften von Samba Soul-Größen wie Jorge Ben verinnerlicht und kombiniert sie mit Reggae- und Dub-Versatzstücken. Das gipfelt in einer gänzlich unerwarteten Adaption von Marleys “Concrete Jungle”, die – vom Offbeat bereinigt – in neuer Schönheit daherstolziert. Zwischendurch beweist CéU ihre enge Verbundenheit zum Samba- Erbe, indem sie auch mal nur zur Mandoline ihre wehmütigen Verse schweifen, oder in einem fast psychedelischen Umfeld den ominösen Brummtopf Brasiliens, die Cuica klagen lässt.

Verantwortlich für die Produktion ist ein Könner. Beto Villares hat sich als Meister an den Reglern für Prominenz wie Pato Fú, Zélia Duncan, Mestre Ambrosio und Herbert Vianna von Os Paralamas Do Sucesso hervorgetan, und knüpft auch als Solo-Artist Bande zwischen allen Ecken Brasiliens. Unterstützt wurde er am Pult vom Filmkomponisten Antonio Pinto, der die Scores der brasilianischen Blockbuster “Central Station” und “City Of God” gefertigt hat.

Von Villares’ k leinem Label Urban Jungle geht der Weg für CéU nun steil aufwärts: Die Talentsucher von Six Degrees haben sie für den internationalen Vertrieb gesignt, wenig später trat die Entertainment-Abteilung von Starbucks auf das progressive Haus aus San Francisco zu. Die Kaffeehauskette verstärkt derzeit ihren Einsatz auf musikalischem Parkett und fördert in der Reihe “Starbucks Hear Music” außergewöhnliche, aufstrebende Künstler. CéU hat das Vergnügen, in dieser Serie als erste ausländische Künstlerin repräsentiert zu werden.

Die Elogen sind schon jetzt zahlreich: Bei den Latin Grammy Awards wurde sie 2006 in der Kategorie “Best New Artists” nominiert, der Billboard hat sie jüngst in die Liste der heiß esten Newcomer aufgenommen. Die New York Post vergibt vier Sterne für das Album, und von Newsweek über die Libération bis zu O Globo sind Gazetten allerorten becirct. Es ist wohl keine Übertreibung, wenn einige brasilianische Kollegen bereits von “unserer Norah Jones” sprechen.

CéUs fruchtiger Mix besitzt globalen Anspruch, ist trotzdem Samba-Poesie durch und durch – und ihre Stimme hat etwas von der kristallblauen Transparenz eines wolkenlosen Himmels. Cleverer und erotischer hat der Samba des 21.Jahrhunderts sich noch nirgends niedergeschlagen.

Urteil: Das Beste kommt von oben: CeU (der Himmel) bietet auf ihrer ersten CD fünfzehn Songperlen. Wunderbar dezent produziert, abwechslungsreich und frech arrangiert. Natürlich bringt die Brasilianerin hauptsächlich Samba und Bossa Nova, aber bedient dabei nicht die Klischees, sondern bringt frischen Schwung. Man darf gespannt sein, wie sich diese Karriere weiter entwickelt.

Tracks
1. Vinheta Quebrante (Beto Vilares, CeU, Mauricio Alves) 0’53″
2. Lenda (CeU, Alec Haiat, Graziella Moretto) 4’20″
3. Malemolência (CeU, Alec Haiat) 2’55″
4. Roda (Beto Vilares, CeU) 5’22″
5. Rainha (CeU) 3’39″
6. 10 Contados (CeU, Alec Haiat) 3’30″
7. Vinheta Dorival (Beto Vilares) 0’31″
8. Mais Um Lamento (Donilo Morais, CeU) 4’49″
9. Concrete Jungle (Bob Marley) 3’32″
10. Véu Da Noite (Beto Vilares, CeU) 6’18″
11. Valsa Pra Biu Roque (Beto Vilares, CeU) 2’51″
12. Ave Cruz (CeU, Alec Haiat) 3’29″
13. O Ronco Da Cuíca (Joao Bosco, Aldir Blanc) 3’25″
14. Bobagem (CeU) 2’19″
15. Samba Na Sola (CeU, Alec Haiat) 3’09″

Orientierungshilfe

Céu

Die Elektro-Bossa-Welle war in unseren Breiten schon längst angelaufen, da schaute man in Brasilien verdutzt auf die Synthese, die die Europäer da aus Tropenrhythmen und Technologie gebastelt hatten. Ziemlich lange dauerte es, bis mit Suba, mit Bossacucanova und schließlich auch mit Bebel Gilberto im Heimatland von Samba und Bossa Nova die Verzwirbelung von neuen Bits und alten Beats Fuß fasste. Heute hingegen ist bei uns die Luft raus: Der x-te Brazilectro-Aufguss made in London, Berlin oder Rom ruft kaum noch Enthusiasmus hervor, während auf der anderen Seite des Atlantiks kreative Blütezeit angesagt ist. Maria Do CéU Whitaker Poças, kurz CéU (sprich: SÄ-u, zu deutsch: Himmel!), nennt sich das neueste Stimmenwunder aus Sáo Paulo, das Samba-Grooves mit TripHop, Lounge, Dub, Jazz und Funk poliert. Wer die barcelonesische Nubla mochte, der wird von CéU hochentzückt sein. Diese Platte ist – der Rückverweis auf ihren Namen sei erlaubt – einfach nur “himmlisch”.

Vila Madalena ist das romantische Künstlerviertel Sáo Paulos, und hier wird Maria Do CéU Whitaker Poças geboren. Ihr Vater ist ein renommierter Musiker, Komponist und Musikologe und lässt ihr eine klassische Musikerziehung angedeihen, die sich um Namen wie Heitor Villa-Lobos und Ernesto Nazaré zentriert. Schon mit 15 fällt sie den Entschluss, Sängerin zu werden und greift auch zur Gitarre. Die ersten Gehversuche auf der Bühne unternimmt sie mit einem Repertoire aus Marchinhas, einem Genre, das in der Karnevalsmusik des frühen 20.Jahrhunderts beliebt war.

Als junge Frau wagt sie den Sprung nach Norden und lebt für eine Weile in New York, um Gesang zu studieren. Dort öffnet sich ihr eine andere Tür: Geballt bekommt sie einen Schnellkurs von Jazzgeschichte zu aktuellem HipHop, entdeckt Ella und Billie, aber auch Lauren Hill und Erykah Badu. Zurück in der Heimatmetropole tummelt sie sich im Samba-Funk-Gefilde, leiert Experimente im Elektro-Pop an. Etliche Majors klopfen bei ihr an, doch sie entscheidet sich für eine kleine unabhängige Plattenfirma – der künstlerischen Freiheit wegen.

Das hat sich für die 27jährige bezahlt gemacht. Ihr Debüt “CéU” fällt im Vergleich zu vielen Scheiben ihrer Kolleginnen zwischen Ipanema-Strand und Industrie-Metropole deutlich aus dem Rahmen. Geschickt umschifft sie die Klischee-Klippen, lässt sich nicht auf sirenenhaftes Hauchen oder auf die überstrapazierte Drum’n’Bossa-Masche ein. Stattdessen gibt es eine feinziselierte Gratwanderung. Die Grooves sind nie elektronisch überladen, sondern beziehen ihre Energie aus organischer Trommelarbeit oder aus dem samba-angelehnten Groove der akustischen Gitarre. Espritvolle Sc iFi-Effekte und Scratches kommen von Synthesizer und Turntable, dazu bläst eine kleine Hornfraktion gedämpfte jazzig-soulige Linien, teils konterkariert von fernen Backgroundstimmen. Darüber fliegt ihre helle Stimme, sinnlich-sanft und katzenartig zuweilen, aber doch ausdrucksvoll und muskulös – mit leichten Anklängen an eine Maria Rita oder Marisa Monte, mal verführerisch und sinnlich, mal eher mädchenhaft. Die melodische Substanz ist immer der chromatisch geschwungenen Melancholie der Samba-Melodien verpflichtet, hat auch die funkigen Errungenschaften von Samba Soul-Größen wie Jorge Ben verinnerlicht und kombiniert sie mit Reggae- und Dub-Versatzstücken. Das gipfelt in einer gänzlich unerwarteten Adaption von Marleys “Concrete Jungle”, die – vom Offbeat bereinigt – in neuer Schönheit daherstolziert. Zwischendurch beweist CéU ihre enge Verbundenheit zum Samba- Erbe, indem sie auch mal nur zur Mandoline ihre wehmütigen Verse schweifen, oder in einem fast psychedelischen Umfeld den ominösen Brummtopf Brasiliens, die Cuica klagen lässt.

Verantwortlich für die Produktion ist ein Könner. Beto Villares hat sich als Meister an den Reglern für Prominenz wie Pato Fú, Zélia Duncan, Mestre Ambrosio und Herbert Vianna von Os Paralamas Do Sucesso hervorgetan, und knüpft auch als Solo-Artist Bande zwischen allen Ecken Brasiliens. Unterstützt wurde er am Pult vom Filmkomponisten Antonio Pinto, der die Scores der brasilianischen Blockbuster “Central Station” und “City Of God” gefertigt hat.

Von Villares’ k leinem Label Urban Jungle geht der Weg für CéU nun steil aufwärts: Die Talentsucher von Six Degrees haben sie für den internationalen Vertrieb gesignt, wenig später trat die Entertainment-Abteilung von Starbucks auf das progressive Haus aus San Francisco zu. Die Kaffeehauskette verstärkt derzeit ihren Einsatz auf musikalischem Parkett und fördert in der Reihe “Starbucks Hear Music” außergewöhnliche, aufstrebende Künstler. CéU hat das Vergnügen, in dieser Serie als erste ausländische Künstlerin repräsentiert zu werden.

Die Elogen sind schon jetzt zahlreich: Bei den Latin Grammy Awards wurde sie 2006 in der Kategorie “Best New Artists” nominiert, der Billboard hat sie jüngst in die Liste der heiß esten Newcomer aufgenommen. Die New York Post vergibt vier Sterne für das Album, und von Newsweek über die Libération bis zu O Globo sind Gazetten allerorten becirct. Es ist wohl keine Übertreibung, wenn einige brasilianische Kollegen bereits von “unserer Norah Jones” sprechen.

CéUs fruchtiger Mix besitzt globalen Anspruch, ist trotzdem Samba-Poesie durch und durch – und ihre Stimme hat etwas von der kristallblauen Transparenz eines wolkenlosen Himmels. Cleverer und erotischer hat der Samba des 21.Jahrhunderts sich noch nirgends niedergeschlagen.

Urteil: Das Beste kommt von oben: CeU (der Himmel) bietet auf ihrer ersten CD fünfzehn Songperlen. Wunderbar dezent produziert, abwechslungsreich und frech arrangiert. Natürlich bringt die Brasilianerin hauptsächlich Samba und Bossa Nova, aber bedient dabei nicht die Klischees, sondern bringt frischen Schwung. Man darf gespannt sein, wie sich diese Karriere weiter entwickelt.

Tracks
1. Vinheta Quebrante (Beto Vilares, CeU, Mauricio Alves) 0’53″
2. Lenda (CeU, Alec Haiat, Graziella Moretto) 4’20″
3. Malemolência (CeU, Alec Haiat) 2’55″
4. Roda (Beto Vilares, CeU) 5’22″
5. Rainha (CeU) 3’39″
6. 10 Contados (CeU, Alec Haiat) 3’30″
7. Vinheta Dorival (Beto Vilares) 0’31″
8. Mais Um Lamento (Donilo Morais, CeU) 4’49″
9. Concrete Jungle (Bob Marley) 3’32″
10. Véu Da Noite (Beto Vilares, CeU) 6’18″
11. Valsa Pra Biu Roque (Beto Vilares, CeU) 2’51″
12. Ave Cruz (CeU, Alec Haiat) 3’29″
13. O Ronco Da Cuíca (Joao Bosco, Aldir Blanc) 3’25″
14. Bobagem (CeU) 2’19″
15. Samba Na Sola (CeU, Alec Haiat) 3’09″

Text date: 2007-07-06  
Text: © Exil/Six Degrees  
Distributor: Indigo
Ident-Code: 120/1904/1



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